Unser Bildungssystem – Dichtung und Wahrheit

NEUE Vorarlberger Tageszeitung, 5.10.14, Seite 19

 

goegeleRainer Gögele, ehemaliger ÖVP-Landesrat, unterrichtet Latein und Religion

 

Es gehört heute in gewissen Kreisen zum guten Ton, das österreichische Bildungssystem als von Grund auf schlecht und unserer Zeit unangemessen darzustellen. Von Reformstau, Bildungsverlierern, überfälligem Reparaturbedarf ist da die Rede. Als Grundübel werden vor allem zwei Punkte benannt: die Differenzierung mit zehn Jahren in Mittelschule und Gymnasium sowie die Benachteiligung von Kindern, deren Eltern keinen höheren Schulabschluss haben. Die Forderung, die daraus abgeleitet wird, ist einfach und klar: die Gesamtschule = Gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen.


Ein vertiefter Blick auf die Fakten lohnt sich. Als Grundlage für die beschriebene Kritik wird meist das Abschneiden Österreichs bei internationalen Vergleichstests angeführt: PIRLS, TIMSS und PISA. Getestet werden bei Zehnjährigen die Kompetenz im Lesen (PIRLS) sowie im Bereich der Mathematik und der Naturwissenschaften (TIMMS). Bei Fünfzehnjährigen werden dieselben drei Bereiche getestet (PISA). Interessant ist daher der Vergleich der Ergebnisse von PIRLS 2006 und TIMMS 2007 mit PISA 2012. Daraus ist die Entwicklung der Jugendlichen ablesbar. Und da zeigen sich auffällige Verschiebungen, etwa: Österreichs Jugend arbeitet sich von den Plätzen 8 (Mathematik), 8 (Lesen) und 6 (Naturwissenschaften) mit zehn Jahren auf die Plätze 3, 4, 4 fünf Jahre später vor. Im gleichen Zeitraum fällt Italien von den Plätzen 1 (Lesen), 3 (Naturwissenschaften) und 7 (Mathematik) auf 4, 9, 7 zurück. Österreich holt also in der Zeit der Differenzierung deutlich auf, Italien fällt in der Zeit der Gesamtschule ebenso deutlich zurück.

Ähnliches lässt sich beobachten, wenn man den Blick darauf richtet, welchen Leistungsrückstand Kinder von Eltern, die maximal einen Pflichtschulabschluss aufweisen, gegenüber jenen Kindern haben, deren Eltern Matura gemacht oder ein Studium abgeschlossen haben. Mit zehn Jahren beträgt dieser Abstand in Deutsch 3,1 Jahre, in Mathematik 3,0 Jahre. Mit fünfzehn Jahren hat er sich in beiden Bereichen auf 2,2 Jahre verringert. Auch hier: Die Phase, in der differenziert wird, verbessert die Ergebnisse deutlich.

Auch wenn die sich daraus ergebende Schlussfolgerung pointiert ist, so darf dennoch festgestellt werden: Jene Experten, die behaupten, Differenzierung schade und müsse daher beseitigt werden, argumentieren aus Mangel an Information oder wider besseres Wissen.

Die österreichische Bundesregierung hat jüngst ein 6-Punkte-Programm als Weg zur besten Bildung beschlossen. Dass dem Schulstart, der Sprach- und Leseförderung, der Stärkung der Schulautonomie, den ganztägigen Schulformen, der Bewegung unserer Kinder und Jugendlichen sowie der Erwachsenenbildung darin gebührend Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist wohltuend. Mag sein, dass die Regierung sich darauf konzentriert, sich abseits ideologischer Grabenkämpfe jenen Herausforderungen zu widmen, die gemeinsam bewältigt werden können. Es wäre eine gute Entwicklung, wenn sie sich davon nicht wieder durch Zwischenrufer aus allen möglichen Ecken abbringen ließe!