Leserbrief von Mag. Wolfgang Türtscher, Obmann ÖAAB-Lehrer

Lehre und Gesamtschule - das geht nicht!

Die Vizepräsidentin der Vorarlberger Arbeiterkammer, Manuela Auer, stellt in den Regionalmedien vom 10. September 2015 völlig richtig fest „Die Lehre ist ein Erfolgsmodell!“ und folgert daraus, ebenfalls völlig zu Recht, „Wir müssen wieder mehr junge Menschen für die duale Ausbildung begeistern“. Sie fordert von den Entscheidungsträgern alles zu unternehmen, um den hohen Standard der Lehrlingsausbildung zu erhalten und Jugendliche für die Lehre zu begeistern. Dazu sind – sie beruft sich dabei auf den Toni-Russ-Preisträger Egon Blum – Verbesserungen notwendig, sie nennt dabei die Wiedereinführung des Blum-Bonus als Ausbildungsprämie für die Unternehmen, die Schaffung einer Zwischenprüfung zur Mitte der Lehrzeit und mehr Unterstützung für kleine Betriebe. Auch Ihr Fazit ist richtig „Die Lehrlinge von heute sind die dringend benötigten Fachkräfte von morgen.“ – So weit, so gut – darüber wird in Vorarlberg Einvernehmen zu erzielen sein.


Sie fordert dann zum Schluss auch noch die Einführung der „gemeinsamen Schule“ – und das steht im Widerspruch zur Förderung der Lehre. Es wird wahrscheinlich nicht allen Entscheidungsträgern bewusst sein, dass dort, wo es eine Gesamtschule gibt, die Zahl der Lehrlinge sehr gering ist. In Großbritannien wurde durch die Einführung der Gesamtschule die bis dahin funktionierende duale Ausbildung im Wesentlichen beseitigt, in Südtirol besuchen 88 % eines Geburtsjahrgangs eine gymnasiale Oberstufe und nur 12 % absolvieren eine Lehre. Dass sich daraus ein Facharbeitermangel und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit ergeben, ist logisch!

Warum ist das so? Durch den Unterricht in der Gesamtschule wird den Jugendlichen die Illusion vermittelt, jeder könne jedes Ziel erreichen – und damit auch die Hochschulreife. Darunter leidet die duale Ausbildung. Andreas Dünser hält in der letzten Ausgabe von themavorarlberg vom 4.9.15 sehr treffend: „Der Trend zur Akademisierung ist, harsch gesprochen, der wahre Feind der Lehre. Jahrelang wurde argumentiert, dass Österreich zu wenig Akademiker habe und mehr Jugendliche in höhere Schulen gehen sollten.“ Und der bekannte Schweizer Politiker Rudolf Strahm (SP) und Ökonom beweist: „Die europäischen Länder mit den höchsten Maturitäts-/ Abitur- und Hochschulquoten haben auch die höchste Arbeitslosigkeit. 68 % der jungen Griechen haben Matura, jeder zweite hat keinen Job, 75 % beträgt die Maturaquote in Italien (mit Südtirol), nahezu jeder zweite junge Mensch ist arbeitslos.“

Das sollten gerade diejenigen Vertreter aus Wirtschaft und Industrie berücksichtigen, die sich für die Gesamtschule einsetzen: Das wäre das Ende des erfolgreichen dualen Ausbildungssystems!

Mag. Wolfgang Türtscher
Obmann der Lehrerinnen und
Lehrer im ÖAAB Vorarlberg
Landessprecher von Pro Gymnasium