Sonderschulen sind zeitgemäß!

Konrad Müller und Wolfgang Türtscher, Lehrerinnen und Lehrer im AAB Vorarlberg:

Sonderschulen sind zeitgemäß!

Wer könnte schon gegen Inklusion sein? 

In diesem Spannungsfeld spielt sich die Diskussion um Sonderschulen und die schulische Inklusion ab. Selbstverständlich brauchen Kinder mit besonderen Bedürfnissen auch besondere Angebote – und ebenso selbstverständlich sollen Kinder und Jugendliche in all ihrer Vielfalt und Einmaligkeit möglichst viele Erfahrungen gemeinsam teilen dürfen. Wolfgang Türtscher brachte diese Haltung in „Neues bei Neustädter“ am 06.02.2017 folgendermaßen auf den Punkt: „So viel Integration wie möglich und so viel besondere Beschulung wie notwendig.“ (Bezug: David Wohlhart: Sonderschulen sind nicht mehr zeitgemäß, in: NEUE, 28.2.2017)

Wir brauchen die Angebote der Sonderschulen einfach deshalb, weil etliche Kinder in der Integration nicht entsprechend gefördert werden können – sie brauchen therapeutische oder medizinische Angebote, Beziehungsangebote, die viel Zeit und eine kleine Gruppenstruktur erfordern, besondere Förderangebote aufgrund spezifischer Beeinträchtigungen im Sehen, Hören oder Intellekt, in der sensorischen Wahrnehmung oder Motorik usw. Es gibt auch Kinder, die in einer großen Gruppe sozial-emotional  überfordert sind und  das Angebot einer Kleingruppe (Schutzraum) dringend benötigen.

Trotz intensiver Integrationsbemühungen der Volks- und Mittelschulen gibt es immer wieder Kinder, die mit diesem Angebot – aus sehr unterschiedlichen Gründen – nicht zurechtkommen und in die Sonderschule wechseln. Wer heute in die Sonderschule oder in eine Kleinklasse geht, wird nicht dazu gedrängt oder gar gezwungen, sondern die Eltern und Schüler entscheiden sich in der Regel sehr bewusst für diese Schulform.

Außerdem fordern Selbstvertreter (z. B. im Seh- und Hörbehindertenbereich) für sich Sondereinrichtungen, damit sie unter ihresgleichen lernen und kommunizieren können.

In diesem Sinne setzen wir uns dafür ein, dass es für diese Kinder / Jugendlichen weiterhin eine echte Wahlmöglichkeit zwischen der Beschulung in einer Kleinklasse und der Beschulung in einer Integrationsklasse gibt.

In Vorarlberg sind wir im schulischen Bereich auf einem guten Weg, was Inklusion anlangt:

  • In der Nachkriegszeit waren gerade die Lehrerinnen und Lehrer der Sonderschulen Anwälte der Menschen mit Behinderungen, sodass diese Kinder in öffentlichen Schulen willkommen geheißen und adäquat gefördert wurden.
  • Aktuell (im März 2017) werden von den ca. 2.000 Schülerinnen und Schülern mit SPF (sonderpädagogischer Förderbedarf) ca. 65 % integrativ beschult und ca. 35 % in Sonderschulen oder angeschlossenen Kleinklassen.
  • Sonderpädagogische Beraterinnen und Berater, die unter anderem die Gutachten zum SPF erstellen, sind standortunabhängige Personen, die gemeinsam mit den Eltern für die einzelnen Kinder die jeweils am besten geeignete Schule suchen – diese Unabhängigkeit in der Beratung ist österreichweit bei weitem keine Selbstverständlichkeit.
  • Seit Herbst 2016 gibt es Kompetenzzentren für Inklusion, Diversität und Sonderpädagogik (KIDS) in den vier politischen Bezirken, die differenziert und gezielt auf spezifische Herausforderungen re/agieren können und entsprechende Ressourcen zur Verfügung stellen (spezifische Lernförderung, mobile Lehrer, Beratungslehrer, Kriseninterventionslehrer, Spezialpool usw.).
  • In Vorarlberg wird eine Verschränkung der Angebote favorisiert, d. h., dass am selben Standort Integrationsklassen und Kleinklassen geführt werden. Im Bezirk Bregenz / Bregenzerwald gibt es keine einzige eigenständige Sonderschule mehr, sondern nur noch Volks- und Mittelschulen mit angeschlossenen Kleinklassen – ein gutes Miteinander in Pausen, bei Projekten oder in einzelnen Unterrichtsgegenständen wird dadurch ermöglicht und gefördert.
  • Therapien werden über den Verein aks (Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin) im Rahmen des Schulalltags angeboten.

Für die Zukunft stehen dennoch große Herausforderungen an:

  • Die Personalsituation wird sich weiter verschärfen – gibt es doch schon jetzt viel zu wenige ausgebildete Sonderschullehrerinnen und -lehrer.
  • Auch die Frage nach der zukünftigen Ausbildung der Sonderschullehrerinnen und –lehrer an den Pädagogischen Hochschulen – und wie diese attraktiv gestaltet werden kann – ist noch nicht geklärt.
  • An den Rahmenbedingungen (materiell und personell) muss ständig weiter gearbeitet werden.
  • Und nicht zuletzt muss die Finanzierung für die qualitativ hochwertige Arbeit (bei einer möglicherweise zunehmenden Schülerzahl) im Land gesichert werden.

Eine Bemerkung zum Schluss: Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Herausforderung, die nicht von der Schule allein getragen werden kann. Entscheidend werden die Einstellungen sein, mit denen wir als Gesellschaft Menschen mit Behinderungen begegnen und die in den Elternhäusern den Kindern vermittelt werden. Diese Haltungen werden hoffentlich von Wertschätzung und Respekt geprägt sein.

Rückfragen:
Konrad Müller, BEd, 0676/9503618; Vizeobmann der ÖAAB-Lehrer Vorarlbergs
Mag. Wolfgang Türtscher, 0664/1234009; Obmann der ÖAAB-Lehrer Vorarlbergs