Dr. Michael Winterhoff:Kinder brauchen Regeln, keine Tablets!

„Gebt den Kindern ihre Kindheit zurück“, beschwor Dr. Michael Winterhoff am 3.10.2017 in Lustenau vor 300 begeisterten Lehrern, Kindergartenpädagogen und Interessierten im Rahmen seines Vortrages „Die Wiederentdeckung der Kindheit“ - eine gemeinsame Veranstaltung des Christlichen Lehrervereins, der GÖD-FCG, der Vorarlberger LehrerInnen/deinepv, der ÖPU, des ÖAAB und der VHS Bregenz anlässlich des Weltlehrertages 2017.

Der bekannte Kinder- und Jugendpsychiater und Bestsellerautor Dr. Michael Winterhoff aus Bonn stellte im Rahmen seiner ärztlichen Tätigkeit fest, dass etwa seit 1990-2000 die Erwachsenen von der digitalen Welt überrollt werden; das belastet die Psyche – und das wirkt sich auf die Kinder und Jugendlichen aus – „in Deutschland schaffen wir die Kindheit ab, wir behandeln die Heranwachsenden als ‚kleine Erwachsene‘.“

Er führt diesen Zustand auf drei Beziehungsstörungen zurück, die er Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose nennt. Im Wesentlichen geht es darum, dass sich Eltern, Lehrer und Erzieher aus ihrer Erziehungs- und Vorbildfunktion zurückziehen und zum Partner, Freund und Kollegen des Kindes werden, was beide überfordert und beim Kind zu schweren Störungen führt.

Die Lehrer sind nicht mehr Lehrer, sondern Lerncoaches  - sie führen nicht mehr, jedes Kind holt sich an der Lerntheke, was es will – und die Leistungen sinken. Die Bildungspolitik in Deutschland ist auf Abwegen: Man hat die Schreibschrift abgeschafft, man wird auch die Hausübungen und die Rechtschreibung abschaffen!

„Entweder wir gehen durch die digitale Revolution ‚drauf‘ – oder wir bewältigen sie“, so Winterhoff. „Wir müssen als Erwachsene unsere innere Ruhe wieder finden, nur so können wir das an die Kinder weitergeben. Es ist eine Errungenschaft der Neuzeit, dass wir Kinder als Kinder wahrnehmen. Das ist der einzige Abschnitt im Leben, in dem sie keine Verantwortung tragen und nicht logisch agieren: Der Grundschüler geht nicht für sich in die Schule, er tut es für seine Eltern und Lehrer.“

„Drei Dinge brauchen Kinder, damit sie sich normal entwickeln können“, so Winterhoff, „Unbeschwertheit, Freiheit und Fürsorge. Das setzt in sich ruhende Erwachsene voraus, die ihren Kindern Halt geben und ihnen Grenzen setzen.“ An die Lehrer und Kindergartenpädagogen richtete er den Appell, ausschließlich personenbezogen zu arbeiten. Für die heutigen Kinder brauche es Gruppen, die nur 15-20 Kinder umfassen – mit zwei Pädagogen und zwei getrennten Räumen! „Eines ist klar“, so Winterhoff, „Grundschüler brauchen Lehrer, die sie anleiten – auf keinen Fall aber Tablets!“

ÖAAB-Lehrerobmann Wolfgang Türtscher berichtet dazu von interessanten Rückmeldungen von teilnehmenden Pädagogen gegenüber Winterhoff: „Wir würden schon gerne tun, was Sie uns vorschlagen – aber wir werden oft von ‚zeitgeistigen Reformpädagogen“ daran gehindert, die Schülern nicht nur keine Grenzen setzen, sondern das auch bewusst nicht wollen!“