Angebote der Sonderschulen sind zeitgemäß und notwendig

Inklusion um jeden Preis funktioniert nicht!

Robert Kapolani von der Caritas Österreich plädiert dafür, (VN, 15.5.19) dass es nur noch inklusive Schulen geben sollte, in denen Kinder mit und ohne Behinderung unterrichtet werden sollen. Er kritisiert damit die Bundesregierung, die einen Ausbau der Sonderschulen plant. „In Vorarlberg sind wir diesbezüglich auf einem guten Weg. Einerseits ist festzuhalten: Das Miteinander muss gefördert werden, Kinder und Jugendliche sollen in ihrer Vielfalt und Einmaligkeit möglichst viele Erfahrungen gemeinsam teilen dürfen“, erklären Konrad Müller und Wolfgang Türtscher von den Vorarlberger ÖAAB-Lehrerinnen und -Lehrern. Andererseits gilt: Kinder mit besonderen Bedürfnissen brauchen auch besondere Angebote. Wolfgang Türtscher brachte diese Haltung in „Neues bei Neustädter“ am 06.02.2017 folgendermaßen auf den Punkt: „So viel Integration wie möglich und so viel besondere Beschulung wie notwendig.“

Im Ländle wird seit vielen Jahren eine Verschränkung der Angebote favorisiert, d. h., dass am selben Standort (in einer Volks- bzw. Mittelschule) Integrationsklassen und Kleinklassen geführt werden. Im Bezirk Bregenz / Bregenzerwald gibt es keine einzige eigenständige Sonderschule mehr, sondern nur noch Volks- und Mittelschulen mit angeschlossenen Kleinklassen – ein gutes Miteinander in Pausen, bei Projekten oder in einzelnen Unterrichtsgegenständen wird dadurch ermöglicht und gefördert. In den anderen politischen Bezirken werden aktuell nach diesem Modell verschiedene Schulen umorganisiert.

Dass es die Angebote der Sonderschulen weiterhin geben muss, steht für uns außer Frage. Die Erfahrung zeigt, dass etliche Kinder in der Integration nicht entsprechend gefördert werden können – sie brauchen therapeutische oder medizinische Angebote, Beziehungsangebote, die viel Zeit und eine kleine Gruppenstruktur erfordern, besondere Förderangebote aufgrund spezifischer Beeinträchtigungen im Sehen, Hören oder Intellekt, in der sensorischen Wahrnehmung oder Motorik usw. Es gibt auch Kinder, die in einer großen Gruppe sozial-emotional  überfordert sind und  das Angebot einer Kleingruppe (Schutzraum) dringend benötigen. Trotz intensiver Integrationsbemühungen der Volks- und Mittelschulen gibt es immer wieder Kinder, die mit diesem An-gebot – aus sehr unterschiedlichen Gründen – nicht zurechtkommen und in die Sonderschule wechseln. Wer heute in die Sonderschule oder in eine Kleinklasse geht, wird nicht dazu gedrängt oder gar gezwungen, sondern die Eltern und Schüler entscheiden sich in der Regel sehr bewusst für diese Schulform.

Außerdem fordern Selbstvertreter (z. B. im Seh- und Hörbehindertenbereich) für sich Sondereinrichtungen, damit sie unter ihresgleichen lernen und kommunizieren können.

In diesem Sinne setzen wir uns dafür ein, dass es für Kinder / Jugendliche mit Förderbedarf weiterhin eine echte Wahlmöglichkeit zwischen der Beschulung in einer Kleinklasse und der Beschulung in einer Integrationsklasse gibt.

Für die Zukunft stehen große Herausforderungen an:

  • Die Personalsituation wird sich weiter verschärfen – gibt es doch schon jetzt viel zu wenige ausgebildete Sonderschullehrerinnen und -lehrer.
  • Erfreulich ist die Ansage der neuen Bundesregierung, wieder eine eigene Ausbildung der Sonderschullehrerinnen und -lehrer an den Pädagogischen Hochschulen einzuführen.
  • An den Rahmenbedingungen (organisatorisch, räumlich, materiell und personell) muss ständig weiter gearbeitet werden.
  • Nicht zuletzt muss die Finanzierung für die qualitativ hochwertige Arbeit (bei einer möglich-erweise zunehmenden Schülerzahl) im Land gesichert werden.


Eine Bemerkung zum Schluss: Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Herausforderung, die nicht von der Schule allein getragen werden kann. Entscheidend werden die Einstellungen sein, mit denen wir als Gesellschaft Menschen mit Behinderungen begegnen und die in den Elternhäusern den Kindern vermittelt werden. Diese Haltungen werden hoffentlich von Wertschätzung und Respekt geprägt sein.