Wolfgang Türtscher: Zentralmaturaentwurf Deutsch: Niveau sinkt!

tuertscher wolfgangVerzicht auf Literaturkenntnisse nicht nachvollziehbar

 

„Der Entwurf für die Reifeprüfungsverordnung der Zentralmatura an Österreichs Gymnasien vom 24. Jänner 2012 sieht in der schriftlichen Klausur im Fach Deutsch den Verzicht auf Kenntnisse der deutschen Literatur vor. Das ist nicht nachvollziehbar und bewirkt im Unterricht in der Oberstufe eine deutliche Abwertung der Literatur", beklagt Wolfgang Türtscher, der Obmann der ÖAAB-Lehrer Vorarlbergs die herrschende Tendenz, gesichertes Wissen durch so genannte „Kompetenzen" zu ersetzen.

 

Bekanntlich eröffnet der Literaturunterricht in besonderer Weise jungen Menschen Einsichten sowohl über vergangene Epochen als auch über ihre eigene Gegenwart, und er fördert wie kein anderer Gegenstand Spracherwerb, Reflexionsfähigkeit, Empathie und Kulturverständnis.

 

Indem im Rahmen der schriftlichen Reifeprüfung nur so genannte Kompetenzen, etwa in der Texterstellung und der Textanalyse verlangt werden, wird die Literatur ihres Eigenwerts beraubt und auf bloßes Beispielmaterial für eben diese Kompetenzen reduziert. Damit geht ein wichtiger Aspekt im Deutschunterricht, und das ist die Literaturkunde, verloren.

 

Es geht auch anders: Das hessische Landesabitur, das es seit 2007 gibt, sieht ausdrücklich vor, dass ausgesuchte Werke der deutschen Literatur im Unterricht behandelt werden müssen und dementsprechend auch Gegenstand der Reifeprüfung sind. Das Kultusministerium gibt für jeden Jahrgang eine Liste mit verbindlicher Lektüre vor, die etwa für den laufenden Abiturlehrgang Werke von Büchner, Goethe, Schiller, Fontane, Kafka, Wolf und Brecht umfasst. Manche Werke wechseln von Jahr zu Jahr, andere bilden einen festen Stamm. „Goethes Faust gehört immer dazu," erklärt dazu die Frankfurter Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen.)

 

Die Vorarlberger ÖAAB-Lehrer schlagen vor, sich an diesem Modell zu orientieren und so auch in Österreich der Literatur den verdienten Stellenwert zu erhalten. Die Übernahme der Bestimmungen des hessischen Landesabiturs wäre leicht möglich. Es müsste dazu lediglich die erste Reifeprüfung um zwei Jahre auf das Jahr 2016 verschoben werden, was auch aus anderen Gründen sehr sinnvoll wäre."